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Fuehrungsmandat.de Thomas Hoffmann

Führung in Transformation · · Aktualisiert

Warum Veränderung unterschiedlich gedeutet wird: Sensemaking in Transformation

Warum Stakeholder dieselbe Veränderung als Chance, Bedrohung oder Zusatzbelastung verstehen – und was Transformationsleitungen daraus für ihr Führungsmandat ableiten können.

Das Vorhaben ist vorgestellt. Die Folien sind abgestimmt, Ziele und Meilensteine benannt. Trotzdem entstehen in den beteiligten Bereichen sehr verschiedene Reaktionen.

Für die Geschäftsführung ist die Veränderung eine notwendige strategische Neuausrichtung. Ein Fachbereich sieht eine Chance, überholte Abläufe zu verbessern. Eine andere Einheit erwartet zusätzliche Arbeit bei unveränderten Ressourcen. Eine dritte fürchtet den Verlust von Einfluss oder fachlicher Eigenständigkeit.

Alle haben dieselbe Präsentation gesehen. Sie haben aber nicht dieselbe Veränderung erlebt.

Für eine Transformationsleitung ist das mehr als ein Kommunikationsproblem. Unterschiedliche Deutungen können Prioritäten, Verbindlichkeit und Zusammenarbeit an kritischen Meilensteinen erschweren. Wer sie vorschnell als Zustimmung, Widerstand oder Missverständnis sortiert, übersieht möglicherweise die Führungsfrage: Welche Bedeutung geben Stakeholder dem Vorhaben aus ihrer jeweiligen Situation heraus – und welche Annahmen müssen geklärt werden?

Forschungsbefund: Bedeutung entsteht im jeweiligen Kontext

Sensemaking bezeichnet vereinfacht den Prozess, durch den Menschen eine mehrdeutige Situation einordnen und handlungsfähig machen. Sie verbinden neue Informationen mit bisherigen Erfahrungen, Beziehungen, Rollenbildern und beobachtbaren Ereignissen. Das Ergebnis ist keine neutrale Kopie der offiziellen Veränderungsbotschaft, sondern eine kontextgebundene Deutung.

Eine longitudinale Fallstudie von Julia Balogun, Jean Bartunek und Boram Do begleitete über fast drei Jahre die Führungsebene einer britischen Tochtergesellschaft während einer europaweiten Reorganisation. Rund 35 Personen wurden wiederholt interviewt; hinzu kamen Beobachtungen, Fokusgruppen und interne Dokumente. Die lokale Führungsmannschaft deutete die zentral angestoßene Veränderung vor dem Hintergrund ihrer bisherigen Autonomie, ihrer Beziehungen zur europäischen Zentrale und ihrer eigenen Erfahrungen im britischen Geschäft. Ihre Erzählungen über Inhalt und Prozess der Veränderung entwickelten sich im Zeitverlauf und beeinflussten die lokalen Reaktionen. Die Studie zeigt damit: Auch Führungskräfte innerhalb desselben Unternehmens können unterschiedliche interpretative Gemeinschaften bilden. Ihre Position, Beziehungen und lokale Geschichte prägen, was eine Veränderung für sie bedeutet. Zum geprüften Volltext der Studie

Eine zweite Originalstudie von Jean Bartunek, Denise Rousseau, Jenny Rudolph und Judith DePalma untersuchte eine Beteiligungsinitiative in einem großen US-amerikanischen Krankenhaus. Befragt wurden 501 Pflegekräfte aus 34 Einheiten. In den offenen Antworten fanden sich verschiedene Bedeutungen desselben Vorhabens: Einige verstanden es im Sinne der angekündigten stärkeren Beteiligung, andere nahmen Widersprüche zwischen Anspruch und Umsetzung wahr, wieder andere beurteilten vor allem die persönlichen Folgen – etwa zusätzliche Arbeit oder konkrete Gewinne und Verluste. Die wahrgenommene Bedeutung und die emotionale Bewertung standen mit den berichteten Auswirkungen der Veränderung in Zusammenhang. Zum geprüften frei zugänglichen Volltext der Studie Der Publikationsnachweis ist zusätzlich über den DOI-Verlagsdatensatz nachvollziehbar.

Beide Studien erlauben keine allgemeine Kausalaussage. Die erste untersucht eine einzelne Tochtergesellschaft eines Konsumgüterkonzerns qualitativ. Die zweite beruht auf einer Querschnittsbefragung in einem Krankenhaus; zentrale Angaben stammen aus demselben Fragebogen. Zudem überschneiden sich die Autorengruppen durch Jean M. Bartunek und sind deshalb nicht vollständig unabhängig. Die Befunde sind keine Anleitung, mit der sich die Reaktion einzelner Stakeholder vorhersagen ließe. Sie machen jedoch sichtbar, warum eine einheitliche Botschaft nicht automatisch zu einer einheitlichen Bedeutung führt.

Einordnung: Chance, Bedrohung und Belastung können gleichzeitig plausibel sein

Aus Sicht der Transformationsleitung erscheint das Vorhaben häufig als zusammenhängendes Ganzes. Für andere Beteiligte wird es an konkreten Veränderungen ihres Arbeitsalltags sichtbar:

  • Wer erhält künftig Informationen früher oder später?
  • Wer verliert eine bisherige Entscheidungsbefugnis?
  • Wer muss zusätzliche Abstimmung übernehmen?
  • Welche frühere Erfahrung wird durch die Ankündigung aktiviert?
  • Passen sichtbare Entscheidungen zu der offiziell erklärten Absicht?

Damit kann dieselbe Veränderung für einen Bereich eine Chance sein, weil sie Zugang, Einfluss oder Problemlösung verbessert. Für einen anderen Bereich wirkt sie als Bedrohung, weil Zuständigkeit, Status oder Verlässlichkeit fraglich werden. Für einen dritten ist sie zunächst eine Zusatzbelastung, weil neue Aufgaben erkennbar sind, Ressourcen und Prioritäten aber noch nicht.

Diese Deutungen sind nicht allein Eigenschaften von Personen. Sie entstehen aus der Verbindung von Botschaft, Rolle, Erfahrung, Beziehungen und beobachtbaren Signalen. Auch das Verhalten der Transformationsleitung wird zum Material des Sensemaking: Welche Rückfrage wird ernst genommen? Welche Ausnahme wird zugelassen? Welche Zusage bleibt folgenlos? Wer erhält Zugang zu Entscheidungen?

Die redaktionelle Einordnung lautet deshalb: Unterschiedliche Deutungen sind nicht automatisch ein Zeichen mangelhafter Kommunikation. Sie können Hinweise auf unterschiedliche Betroffenheit, widersprüchliche Erfahrungen oder ungeklärte Erwartungen enthalten. Das bedeutet nicht, jede Interpretation sei sachlich zutreffend oder jede Forderung müsse erfüllt werden. Es bedeutet, die zugrunde liegende Annahme zu prüfen, bevor eine Reaktion bewertet wird.

Was das für das Führungsmandat bedeutet

Eine Transformationsleitung kann Bedeutung nicht vollständig vorgeben. Sie kann aber beeinflussen, welche Informationen, Erfahrungen und Klärungsmöglichkeiten verfügbar sind.

Dazu braucht sie ein Mandat, das über das Senden abgestimmter Botschaften hinausgeht. Relevant sind insbesondere drei Fragen:

  1. Zugang: Darf die Transformationsleitung unterschiedliche Deutungen direkt mit den betroffenen Stakeholdern prüfen?
  2. Klärung: Kann sie Widersprüche zwischen Ankündigung, Entscheidung und Umsetzung sichtbar machen?
  3. Rückbindung: Gibt es einen belastbaren Weg, ungeklärte Prioritäten, Ressourcen oder Entscheidungsrechte an Sponsorinnen und Sponsoren zurückzuspielen?

Fehlen diese Möglichkeiten, wird Kommunikation leicht zur Einbahnstraße. Die Transformationsleitung soll Zustimmung herstellen, kann aber die Erfahrungen, aus denen Skepsis oder Zurückhaltung entstehen, nicht bearbeiten. Das wäre eine Überdehnung ihres Mandats.

Die Grundlagen lateraler Verantwortung sind im Beitrag Führen ohne formale Macht vertieft. Für Transformationen ist dabei entscheidend: Einfluss entsteht nicht nur durch überzeugende Argumente, sondern auch durch die Möglichkeit, unterschiedliche Bedeutungen in eine entscheidbare Führungsfrage zu übersetzen.

Praxistransfer: Eine Deutungslandkarte statt einer Zustimmungsampel

Eine Stakeholder- und Deutungslandkarte ist keine Diagnose über andere Menschen. Sie hält zunächst Hypothesen fest, die in Gesprächen überprüft werden müssen.

Für jeden kritischen Stakeholder oder Bereich können sechs Felder notiert werden:

FeldLeitfrage
Beobachtbare ReaktionWas wird konkret gesagt, getan, verzögert oder vermieden?
Vermutete BedeutungWird die Veränderung eher als Chance, Bedrohung, Belastung oder etwas anderes verstanden?
Relevanter BezugspunktWelche Rolle, Erfahrung, Beziehung oder Ressource könnte diese Deutung prägen?
Sichtbares SignalWelche Entscheidung oder Handlung der Organisation stützt diese Interpretation möglicherweise?
Zu prüfende AnnahmeWas vermute ich lediglich, ohne es bisher belastbar zu wissen?
Benötigte KlärungBraucht es Information, eine Prioritätsentscheidung, eine Ressourcenzusage oder eine Mandatsklärung?

Die Trennung ist wichtig. Eine beobachtete Verzögerung ist noch keine Deutung. Die vermutete Bedeutung ist noch kein gesicherter Grund. Und ein nachvollziehbarer Grund ersetzt noch keine Entscheidung darüber, was verändert werden kann und was verbindlich bleibt.

Der Nutzen der Landkarte liegt deshalb nicht darin, Stakeholder möglichst treffsicher zu kategorisieren. Sie hilft der Transformationsleitung, das nächste Gespräch präziser vorzubereiten: Welche Annahme soll überprüft werden? Welche organisationale Entscheidung fehlt? Und was liegt tatsächlich im eigenen Veränderungsmandat?

Vier Fragen zum Schluss

  • Welche Stakeholder verbinden mit dem Vorhaben voraussichtlich unterschiedliche Gewinne, Verluste oder Zusatzanforderungen?
  • Wo passen sichtbare Entscheidungen möglicherweise nicht zur offiziell kommunizierten Bedeutung der Veränderung?
  • Welche Deutung beruht auf einer überprüften Aussage – und welche bisher nur auf Ihrer Vermutung?
  • Welche offene Frage können Sie selbst klären, und welche muss an Sponsor, Geschäftsführung oder Linienverantwortung zurückgegeben werden?

Wenn aus unterschiedlichen Deutungen eine konkrete Führungsfrage zu Stakeholdern, Sponsorenschaft oder Rückendeckung wird, bietet Mandat & Wirkung einen vertraulichen Coaching-Rahmen.

Nächster Schritt: Für drei zentrale Stakeholder notieren, welche Bedeutung sie der Veränderung vermutlich geben und welche Annahme überprüft werden muss.

Mandat & Wirkung

Eine konkrete Führungsfrage vertraulich einordnen.

Wenn aus einer fachlichen Frage eine konkrete Führungs- oder Veränderungssituation wird, bietet Mandat & Wirkung einen vertraulichen Coaching-Rahmen.